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Ich höre das, was du nicht hörst.

Es ist wahrlich ein wenig attraktives Tier, und niemand verspürt das Bedürfnis, es als Haustier zu halten: die Motte. Dabei hat sie eine Fähigkeit, mit der sie sämtliche andere Wesen auf diesem Planeten in den Schatten stellt. Tatsächlich ist die Motte in der Lage, Töne bis zu einer Frequenz von 300 Kilohertz zu hören, während das menschliche Ohr schon bei 20 Kilohertz aufgibt. Sogar die ultraschallerprobten Fledermäuse kommen da nicht mit: Bei 200 Kilohertz ist ihr Hörpotential erschöpft. Jetzt fragen wir uns natürlich: Was hat sich der liebe Gott dabei gedacht, diese kleinen Tierchen mit einem derart feinen Gehör auszustatten?

Nein, es ist nicht wegen des Insektenorchesters. Wir kennen auch keine überlieferte Gavotte einer Motte, und auch in Dichterkreisen ist uns nur Friedrich de la Motte Fouqué ein Begriff. In Wahrheit hat es mit Fressen und Gefressenwerden zu tun – wie so vieles auf dieser Welt. Im evolutionären Wettrüsten bemühen sich die Gegner ständig, einen Vorsprung herauszuarbeiten. Gegner sind in diesem Fall die Fledermäuse, die unheimlich gern Motten verspeisen, denen nichts anderes übrig bleibt, ihr Gehör zu verfeinern, um den Angriff der Fledermäuse rechtzeitig zu „erhören“.

Apropos Fledermäuse
Zwar können diese sehr gut hören, aber kaum sehen. Auf ihren Beutezügen stoßen sie Laute im Ultraschallbereich aus. Ihre großen Ohrmuscheln drehen sich nach der Schallquelle und saugen das Echo wie mit einem Trichter ein. Auf diese Weise können sie selbst bei völliger Dunkelheit Insekten fangen: Sie „sehen“ quasi mit den Ohren.
Und wie sieht’s bei den anderen Viecherln aus? Gut zu wissen: Kein Lebewesen auf der Welt kann alle Töne wahrnehmen. Es kommt auf die Frequenz an. Der Elefant beispielsweise ist Experte für niedrige Frequenzen. Dafür ist er taub für die hohen Töne, mit denen sich Wale verständigen. Und: Ohren müssen nicht immer am Kopf sitzen, wie die Hörorgane vieler Insekten beweisen.

Taube
Trotz ihres Namens hört die Taube sehr gut. Ihr Spezialgebiet sind niedrige Frequenzen. Sie kann selbst Töne im 0,1-Hertz-Bereich wahrnehmen. Der Mensch dagegen hört unter 20 Hertz gar nichts mehr.

Frosch
Frösche haben ein besonders raffiniertes Hörsystem: Ihr Gehirn reagiert nur auf die Laute anderer Frösche und ihrer Fressfeinde. Gegenüber für sie unwichtigen Geräuschen sind sie taub.

Zikade und Grille
Diese Tiere können zwar hören, doch sucht man an ihren Köpfen vergeblich nach Ohren: Grillen tragen ihre Hörmembranen an den Vorderbeinen, Zikaden am Hinterleib.

Und wie sieht’s bei uns Menschen aus?
Nun, mit der Motte können wir nicht mithalten. Allerdings kann die Hörschnecke des Menschen 7.000 Tonhöhen unterscheiden! Auch was die wahrgenommenen Bereiche betrifft, so überflügelt das Ohr das Auge bei weitem. Jenes nimmt nur sichtbares Licht in einem kümmerlichen Wellenlängenbereich zwischen 400 und 700 Nanometern wahr – das entspricht umgerechnet etwa dem Tonumfang von einer Oktave. Dem Ohr dagegen sind ganze zehn Oktaven zugänglich!

So schulen Sie Ihre Hörwahrnehmung

  • Achten Sie zuerst ganz besonders auf Ihre Stimm-, Klang- und Geräuschumwelt. Nehmen Sie einzelne Klänge bewusst wahr, auch den Geräusch-„Müll“.
  • Hören Sie auf den Klang einzelner Stimmen. Lauschen Sie, ohne zu werten. Achten Sie darauf, wie Stimmklänge auf Sie wirken. Lernen Sie Stimmen zu hören! Beachten Sie die Unterschiede im Stimmklang.

Welche Unterschiede können Sie akustisch wahrnehmen?

klar rau, kratzig, heiser
klangdicht, kompakt behaucht, verhaucht
klangvoll (rund), kräftig klangarm, dünn, flach
elastisch, locker gepresst, geklemmt
tragend (im Raum) nicht tragend
offen eng, kehlig
resonanzreich resonanzarm
anstrengungsfrei, leicht angestrengt
melodisch, melodiös monoton
laut leise
hoch tief, …

Ihr Nutzen
Regelmäßiges „Umschalten“ auf bewussten Klang-Empfang schärft Ihre Sinne und wirkt in der Folge ohne Aufwand selbsttätig: Unwillkürlich und ohne viel bewusstes Zutun werden Sie auf diese Weise in alltäglichen Situationen Ihren Stimmklang ständig „nach-justieren“.

Im Übrigen beschränkt sich unser Hören nicht nur auf das Ohr! In der Tat hören wir auch über das Knochensystem, etwa über den Schädelknochen, der Schwingungen unmittelbar ans Innenohr weitergibt und auf diese Weise bestimmte Frequenzbereiche besonders verstärkt.

Haben Sie sich schon einmal auf Tonband gehört?
Bei einer solchen Tonband-Aufnahme klingt Ihre Stimme anders als Sie sich selbst während des Sprechens hören. Und was noch wichtiger ist: Ihre Stimme klingt auch für Ihre Mitmenschen anders. Kein Wunder: Ihre Zuhörer genießen ja auch nur einen Teil Ihres eigenen Klangerlebnisses. Sie hören Sie lediglich über die Luftleitung und nicht zusätzlich über den Knochen.

Ein kleiner Test dazu!
Halten Sie Ihre Ohren fest zu und sprechen Sie ein paar Sätze. Der wahrgenommene Klang kommt nahe an jenen Ton heran, den Sie über die Knochenleitung hören.

Auch Haut und Körperflüssigkeiten „hören“ mit.
Als sensibles Tast- und Fühlorgan nimmt die Haut alle Schwingungen auf und leitet sie über Körperflüssigkeiten weiter. Denken Sie nur an die Wahrnehmung von Vibrationen, wenn Sie in einem Rock-Konzert zu nahe an den Lautsprecher-Boxen stehen.
Alles in allem besitzen wir ein „tastend-empfangendes Hören“. „Ich bin ganz Ohr“, sagt der Volksmund und bezeichnet damit, dass der gesamte Organismus „ganzheitlich hört“.

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